Hernani: Die Stadt, die San Sebastián übersieht – und deshalb noch sie selbst ist

Fröhliche baskische Maulwurffrau beim Txotx-Ritual in Hernani. Im Hintergrund die historische Altstadt, Apfelbäume und die Hügel des Urumea-Tals.

Hernani liegt zehn Kilometer von San Sebastián entfernt. Wer nach Donostia fährt, fährt an Hernani vorbei. Das ist kein Navigationsfehler – das ist ein Gewohnheitsfehler. Hernani braucht keine Aufmerksamkeit. Es hat eine ovale Altstadt, die seit dem Mittelalter dieselbe Form hat, einen Bildhauer, der das Schweigen in Eisen gegossen hat, und mehr Apfelweinkeller pro Einwohner als jede andere Stadt Gipuzkoas. Es kommt gut zurecht ohne Touristen. Es würde sich aber auch nicht beschweren, wenn ein paar mehr kämen.

Auf einen Blick

  • Lage: am Fluss Urumea, Provinz Gipuzkoa, Baskenland
  • Entfernung: ca. 9–10 km südlich von San Sebastián (15–20 Min. mit dem Auto)
  • Einwohner: ca. 20.000
  • Highlights: Chillida-Leku (Skulpturenpark), Sagardotegi-Kultur, mittelalterliche Altstadt
  • Apfelwein-Saison: Januar bis Mai (Txotx); Hernani & Astigarraga = Zentrum des baskischen Sagardo
  • Anreise: Auto ca. 15–20 Min.; Bus ab Donostia; ideal als Tagesausflug (Chillida-Leku + Sagardotegi)

Der Fluss Urumea kommt von Süden, durchquert Hernani von oben nach unten und mündet schließlich in San Sebastián ins Meer. Am linken Ufer, am Fuß des Berges Santa Bárbara, liegt die Stadt – 20.000 Einwohner, zehn Stadtteile, ein Industriegürtel, der sich über die Täler zieht, und mittendrin eine Altstadt, die aussieht, als hätte jemand ein mittelalterliches Ei auf einen Hügel gesetzt. Eiförmig, geschlossen, mit Gassen, die sich an alte Stadtmauern erinnern. Sie steht unter Denkmalschutz. Das ist gut. Denn sonst hätte die Industrialisierung des 20. Jahrhunderts auch den Rest mitgenommen.

Gegründet, verbrannt, wiedergebaut – die übliche baskische Biografie

Wann genau Hernani gegründet wurde, weiß niemand mit Sicherheit – die Gründungsurkunde verbrannte zusammen mit anderen Archiven bei einem Brand. Historiker vermuten die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts, unter König Alfonso X. von Kastilien. Sicher ist: Das Tal von Hernani war einst ein eigenständiges Herrschaftsgebiet, das sich bis zu den Unterläufen von Urumea und Oria erstreckte. Als der König von Navarra 1180 San Sebastián gründete, wurde Hernani in die neue Küstenstadt eingegliedert – strategisch, wie alles in dieser Gegend.

Die Altstadt, die heute noch steht, ist das Ergebnis von Jahrhunderten Zähigkeit. Französische Invasionen im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Die Karlistenkriege, die das Baskenland in zwei Lager spalteten und Hernani gleich mehrfach in Mitleidenschaft zogen. Die Stadt wechselte die Hände, wurde belagert, besetzt und jedes Mal neu aufgebaut. Wer durch die engen Gassen läuft, geht über Pflastersteine, die mehr gesehen haben als die meisten Reiseführer ahnen. Das 16. Jahrhundert ist noch da – in der Kirche San Juan Bautista, in den Fassaden, in der Form der Straßen.

Historische Gebäude und Rathaus an der Gudarien Plaza im Zentrum von Hernani im Baskenland.
Die Gudarien Plaza ist das historische und gesellschaftliche Zentrum von Hernani.

1936: Das Schweigen, das bleibt

Es gibt Orte, die tragen ihre Geschichte sichtbar. Hernani trägt sie schweigend. Im September 1936 fiel die Stadt an die franquistischen Nationalisten. Was folgte, gehört zu den dunkelsten Kapiteln des Bürgerkriegs in Gipuzkoa: Hunderte von Menschen wurden in Hernani erschossen – Republikaner, Basken, einfache Bürger. General Emilio Mola hatte den Angriff auf Gipuzkoa kommandiert, navarrische Requetés führten ihn aus. Die Mauern der alten Stadt konnten das nicht aufhalten.

Heute erinnert wenig explizit daran. Ein paar Tafeln, ein paar Straßennamen, das kollektive Gedächtnis einer Stadt, die das nicht vergessen hat. Wer das verstehen will, fährt nicht mit dem Audioguide – der fährt mit offenen Augen.

Eduardo Chillida: Der Mann, der das Schweigen in Form brachte

Eduardo Chillida wurde 1924 in San Sebastián geboren. Torhüter bei der Real Sociedad, dann Architekturstudent in Madrid, dann Bildhauer – einer der bedeutendsten des 20. Jahrhunderts. Seine Werke stehen in New York, Berlin, Houston, Münster. Aber den Ort, der ihm wirklich wichtig war, fand er in Hernani.

1983 kaufte Chillida mit seiner Frau Pili das Landgut Zabalaga am Ortsrand – ein Bauernhaus aus dem Jahr 1543, umgeben von Wald und Hügeln. Fünfzehn Jahre dauerten Restaurierung und Umbau. Chillida suchte nicht eine Ausstellungsfläche, sondern einen Ort – auf Baskisch leku. Einen Platz, an dem seine Skulpturen nicht hängen, sondern stehen, atmen, wirken. Das Ergebnis war Chillida-Leku: elf Hektar, etwa 40 großformatige Werke im Freien, dazu Zeichnungen und kleinere Skulpturen im Bauernhaus. Es wurde im Jahr 2000 eröffnet – zwei Jahre bevor Chillida starb.

Wer Chillida-Leku das erste Mal betritt, versteht sofort, warum er 15 Jahre gewartet hat. Die Skulpturen aus Cortenstahl und Granit stehen im Gras, zwischen Bäumen, im Nebel oder in der Sonne – und sie brauchen den Raum um sich herum genauso wie das Material selbst. Es ist kein Museum. Es ist ein Gespräch zwischen Eisen und Landschaft, das der Besucher belauscht. Ende 2010 schloss das Museum aus finanziellen Gründen – die Familie konnte den Unterhalt nicht mehr tragen. Fast ein Jahrzehnt blieb es für die Öffentlichkeit geschlossen. 2019 wurde es wiedereröffnet – zum Glück. Ein Ort wie dieser sollte nicht lange schweigen müssen.

Skulptur von Eduardo Chillida im weitläufigen Park des Museums Chillida Leku bei Hernani im Baskenland.
Das Freilichtmuseum Chillida Leku verbindet monumentale Kunst mit der Landschaft des Baskenlandes.

Sagardoa: Apfelwein als Weltsicht

Wenn man einen Einheimischen aus Hernani fragt, was seine Stadt ausmacht, sagt er wahrscheinlich nicht Chillida. Er sagt: die Sagardotegiak. Die Apfelweinkeller. Hernani ist zusammen mit Astigarraga das Zentrum des baskischen Apfelweins – und das ist keine Übertreibung für ein Reiseblog. Die Hügel rund um den Urumea sind seit Jahrhunderten mit Apfelbäumen bepflanzt. Das Ergebnis ist Sagardo – jung, trocken, leicht prickelnd, mit einer Herbheit, die man lieben oder meiden kann, aber nie vergisst.

Von Januar bis Mai öffnen die Sagardotegiak ihre Pforten zur neuen Ernte. Der Moment, auf den alles hinausläuft, heißt Txotx – der Ruf, den der Wirt in den Raum schleudert, wenn er den Zapfhahn am Fass öffnet. Wer sitzt, steht auf. Alle laufen zum Fass, halten ihr Glas schräg in den Strahl, der aus einem Meter Entfernung ins Glas prasselt. Das aeriert den Wein und macht ihn spritziger. Und wer es nicht rechtzeitig hinschafft, kriegt Apfelwein auf die Schuhe. Das gehört dazu.

Das Menü in einem klassischen Sagardotegi ist so unveränderlich wie ein Naturgesetz: Tortilla de Bacalao, Bacalao al pil pil, Txuleton – ein massives Stück gereiftes Ochsensteak vom Grill – Käse mit Quittenkonfitüre. Dazu so viel Sagardo, wie der Körper aufnimmt. Alles für einen Festpreis, meistens zwischen 35 und 45 Euro. Man isst nicht gut hier. Man isst richtig.

Wegweiser zu einer traditionellen Sidrería bei Hernani im Baskenland.
Rund um Hernani befinden sich einige der bekanntesten Sidrerías des Baskenlandes.

Warum Hernani?

Weil es zehn Minuten von San Sebastián entfernt liegt und sich anfühlt wie eine andere Welt. Weil Chillida-Leku einer der wenigen Orte ist, an dem man verstummt – nicht aus Respekt vor der Kunst, sondern weil der Ort es verlangt. Weil man in einem Sagardotegi auf einer Holzbank sitzt, wenn jemand Txotx ruft und alle gleichzeitig aufspringen, und weil man dann versteht, dass Gemeinschaft hier kein Konzept ist, sondern eine Praxis. Und weil die ovale Altstadt auf ihrem Hügel über dem Urumea still dasteht und nicht fragt, ob jemand sie bemerkt.

Sie wurde bemerkt. Von Alfonso X., von französischen Generälen, von einem Bildhauer aus San Sebastián, der 15 Jahre auf seinen Ort gewartet hat. Das reicht.

Feines Gericht mit Trüffel, Ei und aromatischer Brühe im Restaurant Errioguardaenea bei Hernani.
Moderne baskische Küche mit hochwertigen regionalen Zutaten.

🗺️ Lage & Anfahrt

Hernani liegt ca. 9–10 km südlich von San Sebastián am Urumea. Mit dem Auto 15–20 Minuten, dazu Busverbindungen ab Donostia. Chillida-Leku liegt am Ortsrand, die Sagardotegiak in den umliegenden Tälern Richtung Astigarraga.
Route in Google Maps öffnen →


Häufige Fragen zu Hernani

Was ist Chillida-Leku und warum ist es besonders?

Chillida-Leku ist der Skulpturenpark von Eduardo Chillida auf dem Landgut Zabalaga am Ortsrand von Hernani – ein Bauernhaus aus dem Jahr 1543, umgeben von elf Hektar Park mit etwa 40 großformatigen Skulpturen. Chillida kaufte das Anwesen 1983 und eröffnete es nach 15 Jahren Restaurierung im Jahr 2000. Nach einer langen Schließung wurde es 2019 wiedereröffnet. Es ist kein Kunstmuseum im üblichen Sinne, sondern ein Ort, an dem Skulptur, Natur und Stille zusammenfallen.

Was ist ein Sagardotegi und was erwartet mich dort?

Ein Sagardotegi ist ein baskischer Apfelweinkeller, der von Januar bis Mai die neue Ernte ausschenkt. Das typische Menü ist immer dasselbe: Bacalaotortilla, Bacalao al pil pil, Txuleton und Käse mit Quittenkonfitüre – dazu so viel Sagardo (Apfelwein) wie man möchte. Das Highlight ist der Txotx: wenn der Wirt das Fass öffnet und alle zum Strahl laufen, um ihr Glas zu füllen. Hernani und das benachbarte Astigarraga sind die Hauptorte für diese Tradition in Gipuzkoa.

Wie weit ist Hernani von San Sebastián entfernt?

Hernani liegt etwa 9–10 Kilometer von San Sebastián entfernt, am Fluss Urumea. Mit dem Auto sind es je nach Verkehr 15 bis 20 Minuten. Es gibt auch eine Busverbindung ab Donostia. Das Dorf ist problemlos als Tagesausflug kombinierbar – Chillida-Leku am Vormittag, Sagardotegi am Mittag.

Was ist die mittelalterliche Altstadt von Hernani?

Die Altstadt von Hernani ist einer der am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtkerne Gipuzkoas – eiförmig, auf einem kleinen Hügel über dem Urumea gelegen, unter Denkmalschutz gestellt. Sie entstand vermutlich im 13. Jahrhundert und blieb trotz jahrhundertelanger Invasionen, Karlistenkriege und Industrialisierung strukturell erhalten. Sehenswert: die Kirche San Juan Bautista (16. Jh.), der Hauptplatz Gudarien Enparantza und die engen Gassen der Casco Histórico.

Was hat Hernani mit dem Spanischen Bürgerkrieg zu tun?

Hernani war im Herbst 1936 Schauplatz eines der schwersten Massaker des Bürgerkriegs in Gipuzkoa. Nach dem Einmarsch der franquistischen Truppen wurden hier Hunderte von Menschen erschossen. Die Stadt trägt diese Geschichte still in sich – wenig touristisch inszeniert, aber im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung tief verankert.


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Christian Fenske, Weinhändler & Foodblogger von Gozatu!

Über den Autor

Christian ist Weinhändler und Foodblogger. Auf Gozatu! schreibt er über gutes Essen und Trinken in Donostia-San Sebastián und dem Baskenland – mit Leidenschaft und Seele, immer aus erster Hand vor Ort. Mehr über Christian →

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