Es gibt Orte, die behaupten, viel zu sein – und dann ist da Getaria. Das Dorf behauptet gar nichts. Es liegt einfach da, zwischen zwei Stränden, mit einem Hafen, ein paar Gassen und einem Berg, der aussieht wie eine Maus. Und trotzdem – oder vielleicht genau deswegen – hat es die Welt ein bisschen anders gemacht.
Wer von San Sebastián aus die Küstenstraße Richtung Westen fährt, kommt nach etwa 25 Kilometern an einem Felsenberg vorbei, der sich ins Meer schiebt wie ein schlafendes Tier. Die Einheimischen nennen ihn schlicht den Ratón de Getaria – die Maus von Getaria. Bis ins 15. Jahrhundert war er eine richtige Insel. Dann hat das Meer die Lücke zwischen Insel und Festland nach und nach zugeschlämmt, und heute ist der Berg ein Nationalpark, der den Hafen von der Atlantikseite abschirmt. Praktischer Nebeneffekt: Getaria hat einen der ruhigsten Fischereihafen der ganzen Küste.
Gegründet als Stützpunkt, gewachsen als Seefahrerstadt
Getaria ist kein Dorf, das aus sich selbst heraus entstanden ist. König Alfonso VIII. von Kastilien gründete es 1209 – strategisch, als Seeposten. Das Baskenland war damals ein Flickenteppich aus Herrschaftsgebieten, und wer den Golf von Biskaya kontrollierte, kontrollierte den Handel. Getaria war einer der wichtigsten Häfen an dieser Küste, stand unter königlichem Schutz und hatte entsprechend etwas zu sagen.
Später kam der Walfang. Baskische Seefahrer waren schon im 13. und 14. Jahrhundert im Nordatlantik unterwegs – bis nach Grönland und Neufundland. Nicht als Entdecker, sondern als Geschäftsleute. Wale bedeuteten Öl für Lampen, Fleisch und Fischbein. Das Wappen von Getaria zeigt bis heute einen Wal – nicht als Kuriosität, sondern als Erinnerung daran, dass dieser Hafen sich einmal bis an die Eisgrenze der Welt vorgewagt hat.
1397 wurde in der Kirche San Salvador die Bruderschaft von Gipuzkoa gegründet – ein Ereignis von landesweiter Bedeutung, mitten in diesem kleinen Küstenort. Und dann, 1597, brannte ein Großteil der Stadt. Was blieb, ist erstaunlich: Die Kirche, die vier Gassenzüge hinunter zum Hafen, die Verteidigungstunnel durch die Stadtmauer – der mittelalterliche Kern von Getaria ist bis heute weitgehend erhalten.
Der Mann, den alle vergessen haben – zu Unrecht
Frage irgendjemanden, wer die Erde zuerst umsegelt hat, und die Antwort lautet meistens: Magellan. Falsch. Magellan hat es nicht einmal bis zur Hälfte geschafft. Er starb am 27. April 1521 auf den Philippinen, erschossen von Pfeilen, die er sich selbst eingebrockt hatte – er mischte sich in einen lokalen Konflikt ein, der ihn nichts anging.
„Als Erster hast du mich umfahren.“
Lateinische Inschrift auf dem Adelswappen, das König Karl I. von Spanien Juan Sebastián Elcano verlieh
Was dann folgte, war die eigentliche Leistung: Juan Sebastián Elcano, geboren um 1486 oder 1487 in Getaria, übernahm nach Magellans Tod das Kommando über die verbliebenen Schiffe. Führte die Expedition weiter zu den Gewürzinseln, entschied sich für die Heimroute um das Kap der Guten Hoffnung – eine Route, die damals kaum bekannt war – und kam am 6. September 1522 mit 18 ausgemergelten Männern in Spanien an. Gestartet waren 265.

Drei Jahre. Fast drei Viertel der Mannschaft tot. Skorbut, Stürme, Meutereien, Hunger. Und am Ende: Beweise, dass die Erde eine Kugel ist. Der König war beeindruckt genug, um Elcano einen Adelstitel zu verleihen – mit der Inschrift Primus circum dedisti me: „Als Erster hast du mich umfahren.“
Warum kennt trotzdem jeder Magellan? Weil Magellan dramatisch starb und damit zur Legende wurde. Elcano brachte einfach das Schiff nach Hause. Das ist die weniger glamöröse Geschichte – aber die wichtigere.
In Getaria erinnert eine Statue an ihn – die ursprüngliche von 1801 wurde 1935 bombardiert und zerstört, 1961 auf Provinzkosten neu errichtet. In der Kirche San Salvador, in der Elcano getauft wurde, findet sich eine Steintafel, die viele Besucher für sein Grab halten. Er liegt dort aber nicht begraben. Er starb 1526 auf einer zweiten Expedition zu den Gewürzinseln – wieder an Skorbut, wieder auf hoher See. Wer genau hinschaut, findet im Sockel des Denkmals die Namen aller Besatzungsmitglieder eingraviert. Darunter auch ein gewisser „Hans aus Aachen“ – der deutsche Kanonier in baskischen Diensten, eine der vergessenen Fußnoten einer ohnehin zu wenig bekannten Geschichte.
Balenciaga: Vom Fischersohn zum Modegott
Man könnte meinen, ein Weltumsegler sei genug Ruhm für ein Dorf dieser Größe. Getaria dachte das offenbar anders.
Am 21. Januar 1895 kam Cristóbal Balenciaga Eizaguirre in Getaria zur Welt – Sohn eines Fischers und einer Schneiderin. Der Vater starb früh, die Mutter arbeitete für die Marquises von Casa-Torres, deren Palast wenige Meter von der Fischerstraße entfernt lag. Dort bekam der Junge zum ersten Mal Haute Couture zu sehen. Er sah genau hin.

Balenciaga verließ Getaria, arbeitete sich durch San Sebastián und Madrid, eröffnete 1937 in Paris sein eigenes Haus – und veränderte die Modewelt nachhaltig. Sein Perfektionismus war legendär. Coco Chanel soll ihn als den einzigen echten Couturier bezeichnet haben, dem alle anderen nur zuschauten.
2011 eröffnete die spanische Königin in Getaria das Cristóbal Balenciaga Museoa – zwei Gebäude, verbunden durch eine Rolltreppe vom Hauptplatz hinauf: ein moderner Neubau und der Aldamar-Palast, in dem Balenciaga als Kind die Marquises besucht hatte. Wer Mode als historisches Handwerk versteht, ist hier richtig.
Und dann wäre da noch Pepita Embil – 1918 in Getaria geboren, später Zarzuela-Sängerin und Mutter von Plácido Domingo. Ein Weltumsegler, ein Modeschöpfer und die Mutter eines der berühmtesten Tenöre der Welt. Statistisch gesehen sollte das nicht möglich sein für ein Dorf mit 2.800 Einwohnern. Getaria interessiert sich offenbar nicht für Statistiken.
Wirtschaft: Fisch, Wein, Konserven
Getaria lebt von drei Säulen: Fischerei, Weinbau und Tourismus. Etwa 30 Betriebe produzieren rund um die Denomination de Origen Getariako Txakolina auf ungefähr 170 Hektar Anbaufläche. Die Kombination aus feuchtem Klima, atlantischen Winden und der salzhaltigen Meeresluft ergibt einen Wein, der nirgendwo sonst so schmeckt – jung, spritzig, mit einer natürlichen Säure, die zu fast allem vom Meer passt. Was früher die Winzer nur selbst tranken, wird heute in mehr als 2 Millionen Flaschen pro Jahr produziert und weltweit exportiert. Txomin Etxaniz, Ameztoi und Gaintza zählen zu den bekanntesten Weingütern; die meisten bieten Verköstungen und Besichtigungen an.
Weniger bekannt, aber einen Besuch wert: die Konservenwerkstätten im Hafen. Bei Maisor zum Beispiel sieht man, wie per Hand Sardinen und Thunfisch gesäubert und eingelegt werden – ein handwerklicher Prozess, der erklärt, warum baskische Konserven auf einem anderen Niveau liegen als das, was man im Supermarkt kennt.
Küche: Feuer, Fisch, kein Schnörkel
Wenn es in Getaria eine Religion gibt, dann ist es der gegrillte Fisch. Kein Schaum, keine Reduktion, keine Küchenchef-Philosophie in drei Gängen. Ein offenes Feuer, ein Rost, ein frischer Fisch. Das ist die Idee, und sie trägt weit.
Das Restaurant Elkano steht seit Jahrzehnten für genau das. Pedro Arregui eröffnete es 1964 direkt im Dorf; sein Sohn Aitor führt es heute. 2014 kam der Michelin-Stern – einen Stern, den viele Stammgäste für mindestens einen zu wenig halten. Die Grillroste hängen draußen vor der Tür; wenn man durch die Gasse läuft, riecht man das Restaurant bevor man es sieht. Das Herzstück der Karte ist der Rodaballo – Steinbutt vom Holzkohlegrill, ganz gebraten, am Tisch filetiert. Aitor erklärt bei Tisch, welches Stück des Fisches welchen Geschmack hat: das Fleisch um die Flosse, das Gelee der Haut, die Wange. Es ist eine kleine Schule in Sachen Fisch. Dazu: Kokotxas in grüner Sauce. Und natürlich Txakoli.

Wer etwas mehr Hafenfeeling bevorzugt, ist im Kaia-Kaipe gut aufgehoben – direkter Blick auf die Boote, genauso guter Fisch. Und wer einfach durch die Gassen läuft und keinen Tisch reserviert hat, findet in jedem Hafenrestaurant den Fang des Tages. Salmonetes – Rote Meerbarbe – sind eine lokale Spezialität, die man nicht auslassen sollte.
Feste: Wenn das ganze Dorf Bühne wird
Anfang August feiern die Getariatarras ihre Stadtfeste zu Ehren des Heiligen San Salvador – mit allem, was dazugehört: Musik, Txakoli, Tanz, Pelota. Alle vier Jahre, am 7. August, wird Elcanos Rückkehr nachgespielt. Die ganze Stadt wird zur Kulisse, Kostüme werden herausgeholt, Schiffe spielen eine Rolle – und Txakoli fließt in einer Menge, die Elcano selbst überrascht hätte. Es ist Volkstheater im besten Sinne: nicht aufgesetzt, sondern echt.
Im Januar wird die neue Txakoli-Ernte vorgestellt. Die offizielle Präsentation findet im Balenciaga Museum statt, danach wandert die Feier auf den Pelota-Platz. Mode, Wein und Pelota vor Mitternacht – das ist Getaria in Kurzfassung.
Warum Getaria?
Weil es keine Attraktion ist, sondern ein Ort. Weil die Gassen seit dem Mittelalter dieselben sind. Weil der Fisch wirklich so gut ist wie alle sagen. Weil man einen Txakoli trinken kann, der zehn Meter von den Reben entfernt produziert wurde, die man gerade noch von der Terrasse aus gesehen hat. Und weil man zwischen dem Steinbutt und dem Dessert an einen Typen aus dem 16. Jahrhundert denken kann, der von hier aus die Welt umsegelt hat – ohne GPS, ohne Konserven und ohne sicher zu wissen, ob er je zurückkommt.
Er kam zurück. Nach Getaria. Natürlich.
🗣️ Christians Eindruck vor Ort
Getaria ist für mich einer dieser Sehnsuchtsorte, an die ich immer wieder zurückkehre. Hier ist das Baskenland noch so, wie es sein soll: ehrlich, salzig, ungeschminkt. Kein Dorf, das sich für Besucher verkleidet, sondern ein Fischerort, der einfach weitermacht, während man staunend durch seine Gassen läuft.
Und dann das, wofür ich eigentlich komme: der beste gegrillte Fisch, den ich kenne, direkt am Hafen über offenem Feuer – und dazu ein Txakoli, der oben an den Weinbergen hoch über der Felsküste des Atlantiks wächst. Wenn der Steinbutt vom Rost kommt und im Glas dieser junge, salzig-frische Wein steht, verstehe ich jedes Mal aufs Neue, warum Getaria mehr ist als ein Ausflugsziel – es ist authentisches Baskenland in seiner schönsten Form.
Häufige Fragen zu Getaria
Wer war Juan Sebastián Elcano, und warum ist er wichtiger als Magellan?
Elcano wurde um 1486 in Getaria geboren und vollendete 1522 als Erster die Umsegelung der Erde – Magellan starb bereits 1521 auf den Philippinen. Elcano übernahm das Kommando und brachte die Victoria mit 18 Überlebenden (von 265 Gestarteten) nach Spanien zurück. König Karl I. verlieh ihm das Wappen mit der Inschrift Primus circum dedisti me – „Als Erster hast du mich umfahren.“
Was hat Balenciaga mit Getaria zu tun?
Cristóbal Balenciaga wurde am 21. Januar 1895 in Getaria als Sohn eines Fischers geboren. Das 2011 eröffnete Cristóbal Balenciaga Museoa im Ort zeigt seine Werke und die Geschichte des bedeutendsten Couturiers des 20. Jahrhunderts.
Was ist Getariako Txakolina?
Getariako Txakolina ist der Txakoli aus der Denomination de Origen Getaria – jung, perlend, mit natürlicher Säure, ideal zu Fisch und Meeresfrüchten. Rund 30 Betriebe auf ca. 170 Hektar produzieren ihn, darunter Ameztoi, Txomin Etxaniz und Gaintza. Mehr zur Geschichte des Baskenlandes und seiner Kultur findet sich im Blog.
Welches Restaurant ist in Getaria ein Muss?
Das Restaurant Elkano (Herrerieta Kalea 2) steht seit 1964 für gegrillten Fisch auf höchstem Niveau. Seit 2014 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Das Herzstück: Rodaballo – Steinbutt vom Holzkohlegrill, am Tisch filetiert. Reservierung empfohlen.
Wie kommt man von San Sebastián nach Getaria?
Getaria liegt ca. 25 Kilometer westlich von San Sebastián. Mit dem Auto über die Küstenstraße N-634 ca. 30 Minuten. Busse fahren regelmäßig vom Busbahnhof Donostia ab. Das Dorf ist klein und gut zu Fuß erkundbar.
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Über den Autor
Christian ist Weinhändler und Foodblogger. Auf Gozatu! schreibt er über gutes Essen und Trinken in Donostia-San Sebastián und dem Baskenland – mit Leidenschaft und Seele, immer aus erster Hand vor Ort. Mehr über Christian →


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