Pasaia: Zwei Dörfer, eine Bucht und 500 Jahre Seefahrtsgeschichte

Historische Strasse in Pasai San Pedro mit Blick auf den Hafen

Fünf Kilometer östlich von Donostia, eingeklemmt zwischen Berg Ulia und dem Jaizkibel-Massiv, liegt einer der erstaunlichsten Orte der baskischen Küste: Pasaia. Zwei Fischerdörfer, durch eine schmale Bucht getrennt, verbunden nur per Fährchen oder einem langen Umweg über Lezo. Auf der einen Seite Pasai Donibane mit seinen bunten Häusern und der einzigen Dorfstraße, die manchmal unter Häusern durchführt. Auf der anderen Seite Pasai San Pedro mit dem Werftmuseum Albaola – wo gerade ein Projekt abläuft, das den Verstand strapaziert: der Nachbau eines Walfangschiffs aus dem 16. Jahrhundert. Mit Techniken aus dem 16. Jahrhundert. Nicht als Filmkulisse. Sondern um damit 2027 nach Kanada zu segeln.

Lage5 km östlich von Donostia-San Sebastián, Gipuzkoa
OrtsteilePasai Donibane & Pasai San Pedro
AnreiseBus E21, El Topo (Euskotren), Auto (Parkplatz Ortseingang)
HighlightAlbaola & Nao San Juan – Museumsschiff seit Nov. 2025
FestivalItsas Festibala, 14.–17. Mai 2026
EintrittDorf & Festival kostenlos; Albaola: Eintritt variabel
Blick von der Bucht auf Pasai San Pedro und Pasai Donibane – der Naturhafen von Pasaia
Der Naturhafen von Pasaia mit Pasai Donibane und Pasai San Pedro

Geschichte – Galeonen, Walfang und berühmte Gäste

Pasaia ist seit dem 12. und 13. Jahrhundert urkundlich als Hafen belegt – damals Umschlagplatz für Wolle aus Navarra und Eisenwaren aus den Schmieden Gipuzkoas. Seinen Höhepunkt erlebte der Hafen im 16. und 17. Jahrhundert: Er diente dem spanischen Königreich als Marinebasis, Werften bauten hier königliche Galeonen, und baskische Walfänger stachen von hier aus in Richtung Neufundland und Labrador in See. In manchen Jahren lagen über 300 baskische Schiffe vor der kanadischen Küste.

Kaiser Karl I. ließ ab 1620 das Castillo Santa Isabel bauen, um den strategisch wichtigen Hafeneingang vor Piraten und ausländischen Kriegsschiffen zu schützen – fertiggestellt wurde es unter Felipe IV. Kluge Entscheidung: Pasaia galt als einer der sichersten Naturhäfen der gesamten europäischen Atlantikküste.

Einfahrt zum Naturhafen von Pasaia – strategischer Hafenzugang seit dem Mittelalter
Die Meereseinfahrt von Pasaia – einer der sichersten Naturhäfen der Atlantikküste

1777 reiste der Marquis de La Fayette auf dem Landweg nach Spanien und stach von Pasai Donibane aus in See – um den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu unterstützen. Es war seine erste Atlantiküberquerung. Die Basken, die dieses Meer seit Generationen befuhren, dürften das am Kai eher nüchtern zur Kenntnis genommen haben. Am Palast Villaviciosa erinnert heute eine Gedenktafel an den Aufbruch.

Nicht zu vergessen: Pasai San Pedro ist Geburtsort von Blas de Lezo, einem der bedeutendsten Admiräle der spanischen Seefahrtsgeschichte. Mit einem Auge, einem Arm und einem Bein – der Mann hatte im Laufe seiner Karriere buchstäblich Substanz verloren – verteidigte er 1741 Cartagena de Indias gegen eine britische Flotte, die für ihre Niederlage in England noch jahrelang keine Erklärung finden wollte. In San Pedro erinnert sein Geburtshaus an diesen außergewöhnlichen Seemann.

Pasai Donibane – das Dorf mit einer Straße

Wer mit dem Auto kommt, parkt am Ortsrand. Dann beginnt sie: die Donibane Kalea, die einzige Straße des Ortes, die sich durch Torbögen schlängelt, manchmal buchstäblich unter Häusern hindurchtaucht und direkt am Wasser endet. Drei-, vier-, fünfstöckige Fischerhäuser in Blau, Rot, Gelb und Grün – Balkons über Balkons, und darunter das ruhige Wasser der Bucht. Das Ganze ergibt eine Szenerie, bei der man sich fragt, ob das noch Realität oder schon ein Filmset ist.

Enge Gasse zwischen historischen Häusern in Pasai Donibane – die einzige Straße des Ortes
Donibane Kalea – Blick zwischen den Häusern

Architektonisch lohnen sich mehrere Stopps: Der Palast Arizabalo und der Palast Villaviciosa, beide vor 1800 erbaut, geben dem Dorf seinen herrschaftlichen Rahmen. Die Basilika Santo Cristo de Bonanza, die Kirche San Juan Bautista, die Kapelle Santa Ana – wer die alle besucht, hat danach jedenfalls mit dem Universum abgeschlossen. Das alte Rathaus von 1735 fällt unter den baskischen Rathäusern schon dadurch auf, dass es gar nicht baskisch wirkt: kein großer Bogen, Satteldach, rechteckig. Vermutlich hat der Architekt den Auftrag aus Versehen angenommen.

Victor Hugo übernachtete 1843 im Haus Gaviria, direkt am Wasser. Was genau ihn nach Pasaia geführt hat, ist nicht ganz klar – vielleicht die gleiche Mischung aus Fjordromantik und Hafenlärm, die heute noch jeden Besucher packt.

Pasai Donibane von der Bucht aus gesehen – bunte Fischerhäuser am Wasser
Pasai Donibane – Fischerhäuser direkt am Wasser

Pasai San Pedro – die andere Seite

Mit der kleinen Personenfähre setzt man in wenigen Minuten nach Pasai San Pedro über – und landet in einer anderen Welt. Auch hier dasselbe historische Straßenbild: schmale Gassen, bunte Häuser, alte Kirche San Pedro mit beeindruckender Fassade. Doch San Pedro hat zusätzlich etwas, das Donibane fehlt: die Albaola Itsas Kultur Faktoria.

Personenfähre zwischen Pasai San Pedro und Pasai Donibane – kürzeste Verbindung über die Bucht
Die kleine Fähre – kürzeste Verbindung zwischen den beiden Ortsteilen

Wer von San Pedro aus den Berg Ulia erklimmt, wird mit einem Panorama belohnt, das alle Mühe sofort vergessen lässt: die Bucht tief unten, die Schiffe, das Meer, und bei gutem Wetter bis hinüber zur Küste Frankreichs. Der GR-121-Wanderweg beginnt am nördlichen Ausgang von Donibane und führt weiter Richtung Hondarribia – für Einsteiger vielleicht etwas anspruchsvoll, aber historisch gesehen derselbe Weg, den baskische Seeleute seit Jahrhunderten zu Fuß zurückgelegt haben. Die hatten allerdings kein Smartphone zur Navigation.

Albaola & die Nao San Juan – das Projekt des Jahrhunderts

Genau das ist es, womit man sich in Pasai San Pedro beschäftigt hat: ein baskisches Walfangschiff aus dem 16. Jahrhundert nachzubauen. Nicht irgendein Schiff – sondern die San Juan, die im Frühjahr 1565 von Pasaia aus nach Labrador aufbrach, dort Wale jagte und im Herbst desselben Jahres vor der Küste Neufundlands sank. Das Wrack blieb 413 Jahre unentdeckt – bis 1978 kanadische Archäologen der Behörde Parks Canada es in Red Bay, Labrador, unter zehn Metern Wasser und einer dicken Schicht Ballaststeinen fanden. Heute ist Red Bay UNESCO-Weltkulturerbe.

Wandgemälde im Albaola Itsas Kultur Faktoria in Pasaia mit baskischem Schiffsbauer, Walfangschiff und Meeresmotiv
Tradition, Handwerk und Walfang im modernen Murals-Stil

Parks Canada dokumentierte das Wrack jahrzehntelang, erstellte präzise Baupläne und übergab diese schließlich an Albaola. Der Bau der Replik begann 2013 in Pasai San Pedro – auf dem Gelände einer alten Werft, genau dort, wo das Original einst vom Stapel lief. Im Juni 2014 wurde symbolisch der Kiel gelegt. Mit Techniken des 16. Jahrhunderts: Schiffszimmerei, Schmiedekunst, Segelerei, Seilerhandwerk. Handwerk, das fast verschwunden war, wurde für dieses Projekt wiederbelebt und an junge Handwerker aus aller Welt weitergegeben.

Am 7. November 2025 wurde der Rumpf zu Wasser gelassen – nach über elf Jahren Bauzeit. Mit Sidra getauft, nicht mit Champagner. Natürlich. Die Zeremonie wurde von Bertsolaris besungen, vom Lehendakari besucht, von Kanadas Botschafterin begleitet, und live auf ETB1 übertragen. Xabier Agote, Gründer und Vorsitzender von Albaola, fasste es schlicht zusammen: „Hemos rescatado un conocimiento olvidado“ – wir haben vergessenes Wissen zurückgeholt.

Was jetzt noch fehlt: rund 4 km Tauwerk aus Hanf, zwei Sätze Segel à 600 m², geschmiedete Anker, Walboote, Kupferkessel und Fässer – alles nach historischen Vorlagen. Während der Fertigstellung auf dem Wasser ist das Schiff als Museumsschiff besuchbar. Das Ziel: 2027 überquert die San Juan den Atlantik Richtung Red Bay, Kanada – mit einer Besatzung von rund 40 Personen in historischen Gewändern, ohne moderne Navigationsgeräte als Haupthilfe. Die Inuit-Gemeinden, deren Vorfahren im 16. Jahrhundert mit baskischen Walfängern in Labrador zusammentrafen, sind bereits in das Projekt eingebunden.

Pasaia Itsas Festibala – das maritime Festival

Alle zwei Jahre verwandelt sich Pasaia in den wichtigsten maritimen Treffpunkt der baskischen Küste. Das Pasaia Itsas Festibala, 2018 zum ersten Mal veranstaltet, bringt traditionelle Holzschiffe aus ganz Europa in die Bucht. Die dritte Ausgabe 2024 zählte über 135.000 Besucher und mehr als 110 einlaufende Schiffe. Darunter historische Segler wie die Recouvrance, die Grayhound und das Patache Juanita Larando.

Banner zum Pasaia Itsas Festibala 2026 mit Hafenillustration und historischen Segelschiffen
Ein Hafen voller Geschichte und Segel

Die vierte Ausgabe findet vom 14. bis 17. Mai 2026 statt – in wenigen Wochen. Neben Albaola-Booten und den üblichen Traditionsseglern werden unter anderen die Morgenster (ein über 100 Jahre alter niederländischer Heringsfänger), die Étoile du Roy und der Ring Andersen in der Bucht liegen. Kanada ist Gastland der Ausgabe – eine Brücke zurück zu den Walfängern des 16. Jahrhunderts. Und natürlich wird auch die frisch gewässerte Nao San Juan dabei sein.

Das Festival ist kostenlos zugänglich und findet in beiden Ortsteilen statt. Schmiede hämmern am Kai, Bootsbauer zeigen ihr Handwerk, Musik aus verschiedenen Küstenkulturen klingt durch die Gassen. Für Kinder gibt es einen acht Meter hohen Klettermast auf der Plaza Bizkaia. Für Erwachsene: Pintxos und Txakoli mit Blick auf historische Segelschiffe. Schwer vorstellbar, wie man das toppen könnte.

Essen, Trinken & Ankommen

Pasaia ist von Donostia aus bequem erreichbar: mit dem Bus, dem Auto (Parkplatz am Ortsrand Donibane), oder am schönsten mit El Topo, dem Euskotren-Zug, der die gesamte Küste entlangfährt. Die Kombination aus Bahnfahrt und kleiner Fähre zwischen den Ortsteilen gehört zum Erlebnis.

Frische Sardinen auf einem weißen Teller in einer Bar in Pasaia, bereit zur Zubereitung
Direkt aus dem Meer auf den Teller

Zum Essen empfehlen sich zwei bewährte Adressen direkt am Wasser: Ontziola in Pasai Donibane serviert täglich wechselnde Menús del Día mit frischem Fisch für faire Preise – der Geheimtipp für alle, die essen wollen wie die Locals. Auf der anderen Buchtseite steht Izkina Jatetxea in Trintxerpe für frischen Fisch und Meeresfrüchte aus dem eigenen Vivero – stiller Klassiker, kaum von Touristen entdeckt.

FAQ – Häufige Fragen zu Pasaia

Wie kommt man von Donostia nach Pasaia?

Am einfachsten mit dem Bus (Linie E21 vom Zentrum) oder mit El Topo, dem Euskotren, der in Richtung Hendaye fährt und Pasaia bedient. Mit dem Auto gibt es Parkplätze am Ortseingang von Donibane. Die beiden Ortsteile Donibane und San Pedro verbindet eine kleine Personenfähre – die Überfahrt dauert Minuten und kostet wenige Euro.

Was ist die Albaola Itsas Kultur Faktoria?

Albaola ist ein Werftmuseum und Forschungszentrum in Pasai San Pedro, das sich dem baskischen Meereskultur-Erbe widmet. Bekanntestes Projekt: der wissenschaftliche Nachbau der Nao San Juan, eines baskischen Walfängers aus dem 16. Jahrhundert. Das Schiff wurde im November 2025 zu Wasser gelassen und ist derzeit als Museumsschiff besuchbar. Die Faktoria beherbergt außerdem eine internationale Schule für Schiffszimmerleute (Aprendiztegi).

Was ist das Pasaia Itsas Festibala?

Ein internationales maritimes Kulturfestival, das alle zwei Jahre in Pasaia stattfindet. Traditionelle Holzschiffe aus ganz Europa laufen in die Bucht ein, Handwerker zeigen historisches Kunsthandwerk, und das Programm verbindet Musik, Gastronomie und Meereskultur. 2024 kamen über 135.000 Besucher. Die nächste Ausgabe findet vom 14. bis 17. Mai 2026 statt.

Was hat Victor Hugo mit Pasaia zu tun?

Der französische Schriftsteller übernachtete 1843 im sogenannten Haus Gaviria (auch bekannt als Maison Victor Hugo) in Pasai Donibane – einem typischen Haus des 17. Jahrhunderts mit direktem Zugang zur Bucht. Das Haus ist heute eines der historischen Wahrzeichen des Ortes.

Wann segelt die Nao San Juan nach Kanada?

Geplant ist die Atlantiküberquerung für 2027. Die Nao San Juan soll dann die Route des Originals nachfahren – von Pasaia nach Red Bay, Labrador. An Bord: rund 40 Personen in historischen Gewändern, ausgestattet mit Techniken und Material des 16. Jahrhunderts. Red Bay ist heute UNESCO-Weltkulturerbe; dort liegt das Originalwrack noch immer auf dem Meeresgrund.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Gozatu! Donostia-San Sebastián

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen