Tolosa war einmal Hauptstadt von Gipuzkoa. Ein Jahrzehnt lang, 1844 bis 1854, dann ging die Hauptstadt an San Sebastián. Tolosa hat das verarbeitet. Heute feiert die Stadt den buntesten Karneval des Baskenlandes, kocht die besten Bohnen weit und breit und hat einen Chorwettbewerb, der Ensembles aus aller Welt anzieht. So schaut der gemäßigte Abstieg in die Geschichte aus.
Wer von Donostia aus südwärts fährt, folgt dem Fluss Oria durch immer enger werdende Täler. Nach 27 Kilometern liegt Tolosa – eine Stadt von knapp 20.000 Einwohnern, eingebettet zwischen Bergen, an der Stelle, wo die Flüsse Oria, Araxes und Elduarain zusammenfließen. Keine Küste, kein Strand, kein Atlantikblick. Aber eine Altstadt, die man in Donostia vergeblich sucht.

Von der Zollstation zur Hauptstadt – und zurück
Alfons X. von Kastilien verlieh Tolosa 1256 das Stadtrecht – der Überlieferung nach trägt die Stadt ihren Namen in Anlehnung an das okzitanische Toulouse. Ihre Lage war kein Zufall, sondern Programm. Tolosa lag auf dem wichtigsten Handelsweg zwischen den Häfen der Biskayaküste und dem Königreich Navarra. Wer hier Zoll kassierte, hatte Macht. Jahrhundertelang war Tolosa eine der bedeutendsten Zollstationen Nordspaniens – ein puerto seco, ein trockener Hafen, mitten im Hinterland.
1794 marschierten französische Truppen ein – Pyrenäenkrieg. Unter Napoleon nochmals. Guerillatätigkeit im Umland. Die Stadt überstand es. 1844 wurde Tolosa per Königlichem Dekret Hauptstadt der Provinz Gipuzkoa. Zehn Jahre lang residierte hier die Provinzregierung. 1854 wechselte die Funktion nach San Sebastián. Was blieb: ein barockes Rathaus, das Provinzarchiv, der Euskal Herria Platz – und das stille Bewusstsein, dass man hier einmal den Ton angegeben hat.
Inauteriak: Der Karneval, den man einplanen muss
Der Karneval von Tolosa – auf Baskisch Inauteriak – ist keiner dieser aufgeräumten Stadtveranstaltungen mit Bühne und Zeitplan. Er ist laut, bunt, und er gehört der Stadt. Seit Jahrhunderten ziehen die Tolosarras in Kostümen durch ihre Gassen, und was dabei entsteht, ist echtes Volkstheater: Musikgruppen, Umzüge, Verkleidungen, die keine Ironie kennen, und eine Stimmung, die nicht importiert wurde.
Der Karneval findet jedes Jahr im Februar statt. Er gilt als einer der traditionsreichsten des Baskenlandes. Wer einmal dabei war, versteht, warum die Tolosarras ihn nicht als Tourismus betrachten, sondern als Eigenangelegenheit – ein Fest, das zufällig öffentlich ist.
Alubias de Tolosa: Die Bohne, die einen Ruf zu verteidigen hat
Es gibt Orte, die für ein Gericht bekannt sind, und dann gibt es Tolosa. Die schwarzen Bohnen – Tolosako babarrunak auf Baskisch, Alubias de Tolosa auf Spanisch – sind keine Zutat, sie sind eine Identität. Tiefschwarz, mit cremiger Textur und einem Geschmack, der sich mit Konservenware nicht vergleichen lässt. Sie werden langsam gekocht, traditionell mit Morcilla, Chistorra und Chorizo. Dazu: weißer Kohl und Salzpaprika. Das ist das Gericht. Keine Variation, keine Interpretation, keine Chefphilosophie.
Die Bohnen wachsen auf kleinen Familienparzellen rund um Tolosa – kontrolliertes Anbaugebiet, Herkunftsnachweis, begrenzte Ernte. Die Preise sind entsprechend. Wer echte Alubias de Tolosa essen will, kommt nach Tolosa. Die Restaurants rund um die Altstadt führen sie von Oktober bis März auf der Karte – solange die Saison läuft.
Und dann wären da noch die Tejas de Tolosa – dünne Mandelwaffeln in Ziegelform, seit dem 19. Jahrhundert in der Stadt hergestellt. Süß, knusprig, unscheinbar – und beim Bäcker um die Ecke deutlich besser als in jedem Souvenirladen des Baskenlandes.

Txuleta und Grill: Die andere kulinarische Wahrheit
Tolosa gilt neben den Bohnen als Hochburg der Txuleta – des dicken Rindsteaks vom Holzkohlegrill, das im Baskenland eine eigene Philosophie kennt. Nicht Medium, nicht Well Done: Der echte Kenner will es außen dunkel, innen warm und rosa. Kein Salz bis zum Tisch, kein Chichi. Die Asadores rund um Tolosa nehmen das ernst.
Chorwettbewerb und Puppenspiel: Tolosa für Kenner
Jedes Jahr in der Woche von Allerheiligen verwandelt sich Tolosa in eine Bühne für Chöre aus aller Welt. Der internationale Chorwettbewerb – Tolosako Abesbatza Lehiaketak – wurde 1969 zum ersten Mal ausgetragen und zählt heute zu den renommiertesten seiner Art in Europa. Wer Chöre hören will, ohne Touristenatmosphäre, kommt Ende Oktober nach Tolosa.
Weniger bekannt, aber bemerkenswert: Tolosa beherbergt ein internationales Zentrum für Puppenspiel mit eigenem Museum und jährlichem Festival. Das klingt nach Nischenprogramm – und ist genau das: eines der bedeutendsten Puppentheaterfestivals Europas, in einer Binnenlandstadt, die niemand damit verbindet.
Die Altstadt: Gassen, Plätze, Stille
Das Zentrum von Tolosa liegt dort, wo die Flüsse zusammenkommen, in einer natürlichen Ebene. Die Altstadt folgt dem mittelalterlichen Muster: parallele, enge Gassen, unterbrochen von Plätzen. Der Euskal Herria Platz erinnert auffällig an den Plaza de la Constitución in Donostia – kein Zufall, beide entstanden in der gleichen Epoche baskischer Stadtkultur.
Die Pfarrkirche Santa María aus dem 17. Jahrhundert ist das architektonische Wahrzeichen – baskische Gotik, massiver Turm, dunkler Innenraum. Das barocke Rathaus, die Herrenhäuser Idiakez, Atodo und Aramburu sowie das Provinzarchiv geben der Altstadt eine Dichte, die man im Binnenland Gipuzkoas selten findet.
Außerhalb der Stadt, auf dem Berg Uzturre (730 m), liegt die Kapelle Nuestra Señora de Izaskun – Schutzpatronin der Stadt. Der Aufstieg lohnt sich: Rundumsicht über das Tal des Oria, die Berge der Tolosaldea, an klaren Tagen bis zur Küste.

Warum Tolosa?
Weil es keinen Strand hat und das kein Problem ist. Weil die Alubias de Tolosa nirgendwo so schmecken wie hier, im Oktober, wenn die neue Ernte kommt. Weil der Karneval in den Gassen stattfindet und nicht auf einer Bühne. Weil eine Stadt, die einmal Hauptstadt war und das gelassen abgegeben hat, irgendetwas richtig gemacht haben muss. Und weil man von Donostia mit dem Zug in 25 Minuten hier ist – und dann in einer Welt, die mit dem Strand der Concha nichts gemein hat außer demselben Flusssystem.

Häufige Fragen zu Tolosa
Was sind die Alubias de Tolosa?
Die Alubias de Tolosa sind schwarze Bohnen aus der Umgebung von Tolosa – eine der bekanntesten kulinarischen Spezialitäten des Baskenlandes. Traditionell gekocht mit Morcilla, Chistorra und Chorizo, Saison Oktober bis März, Herkunft geschützt.
Wann findet der Karneval von Tolosa statt?
Der Karneval von Tolosa – Inauteriak – findet jedes Jahr im Februar statt. Er gilt als einer der traditionsreichsten Karnevale des Baskenlandes, mit Umzügen, Kostümen und Musikgruppen direkt in den Gassen der Altstadt.
Was ist der internationale Chorwettbewerb von Tolosa?
Der Tolosako Abesbatza Lehiaketak findet seit 1969 jedes Jahr in der Woche von Allerheiligen statt. Er zählt zu den renommiertesten Chorwettbewerben Europas und zieht Ensembles aus aller Welt nach Tolosa.
Wie kommt man von San Sebastián nach Tolosa?
Tolosa liegt 27 km südlich von San Sebastián. Mit dem Zug ca. 25–30 Minuten, per Auto über die A-1 ca. 20–25 Minuten. Das Zentrum ist gut zu Fuß erkundbar.
Was sind die Sehenswürdigkeiten in Tolosa?
Pfarrkirche Santa María (17. Jh.), Euskal Herria Platz, barockes Rathaus, historische Herrenhäuser, Puppenspielmuseum. Außerhalb: Kapelle Izaskun auf dem Berg Uzturre (730 m) mit Panoramablick über die Tolosaldea.
Mehr zum Baskenland abseits der Küste: Getaria – Das Dorf, das die Welt verändert hat – und Die Basken – Teil 2: Walfang, Welthandel und das Schweigen der Seefahrer.
Einige Illustrationen wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt, um Inhalte visuell erlebbar zu machen.
Über den Autor
Christian ist Weinhändler und Foodblogger. Auf Gozatu! schreibt er über gutes Essen und Trinken in Donostia-San Sebastián und dem Baskenland – mit Leidenschaft und Seele, immer aus erster Hand vor Ort. Mehr über Christian →

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