Martutene ist der südlichste Teil von Donostia-San Sebastián, dort wo die Stadt am Urumea in Astigarraga übergeht. Kein Viertel für Postkarten, sondern eines mit Werkshallen, Bauernhäusern, Sidrerías und einer Geschichte, die im Juni 2026 ein großes Kapitel beendet hat: Das Gefängnis, das dem Viertel jahrzehntelang seinen Ruf gab, steht leer. Wer die Stadt insgesamt einordnen will, findet den Überblick in meinem San Sebastián Reiseführer.
Für Reisende ist Martutene vor allem eines: die Strecke. Wer am Fluss entlang zu den Sidrerías nach Astigarraga läuft oder radelt, kommt hier durch. Und wer wissen will, wie sehr der Urumea das Leben in dieser Stadt bestimmt hat, sieht es nirgendwo deutlicher – Martutene stand jahrzehntelang regelmäßig unter Wasser.
Martutene auf einen Blick
- Lage: im Süden der Stadt am Urumea, zwischen Loyola und der Nachbargemeinde Astigarraga
- Charakter: Mischung aus Industriegebiet, Wohnhäusern, Caseríos und Sidrerías
- Name: stammt vom Bauernhof Martutene an der alten Urumea-Brücke, belegt seit 1841
- Entstehung: erste Herrenhäuser 1906, industrielle Prägung ab Mitte des 20. Jahrhunderts
- Gefängnis: Ende der 1940er-Jahre eröffnet, im Juni 2026 geräumt, Abriss ab 2027 geplant
- Großes Thema: Hochwasserschutz – der Urumea wird auf rund 1.370 Metern neu gefasst
- Feste: am 12. Oktober zum Pilar-Tag, mit Sidra, Landmarkt und Cross
- Für wen interessant: Radfahrer und Wanderer Richtung Astigarraga und Hernani, Sidrería-Besucher
Ein Name vom Bauernhof an der Brücke
Der Name des Viertels stammt nicht von einem Heiligen und nicht von einem Adelsgeschlecht, sondern von einem Caserío am Urumea. Bauernhof und Brücke sind für das Jahr 1841 belegt, und um beide herum entstand nach und nach eine Siedlung. Die ersten größeren Wohnhäuser wurden 1906 gebaut, zwei Jahre später kam eine Stierkampfarena dazu, die später wieder abgerissen wurde, um Platz für Wohnungen zu schaffen. Bis 1912 gab es außerdem einen Vergnügungspark, aus dem die Gärten der Campos Elíseos hervorgingen – ein Ziel für Ausflüge und Romerías aus der Stadt.
Vom ländlichen Rand zum Industrieviertel
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts kippte der Charakter. Die Stadt schob an ihren südlichen Rand, was im Zentrum keinen Platz mehr fand: Werkstätten, Lagerhallen, Kasernen, das Gefängnis. In den 1970er- und 1980er-Jahren entstand am rechten Urumea-Ufer das Industriegebiet Polígono 27, 1993 kam eine schlichte, funktionale Fußgängerbrücke dazu, die den Zugang erleichterte. Aus dem Dorf am Fluss war ein Arbeitsviertel geworden – mit dem Nachteil, dass sich um seine Infrastruktur lange niemand kümmerte.
Das Gefängnis – ein Kapitel, das im Juni 2026 endete
Kaum ein Ortsname in Gipuzkoa war so eng mit einer einzigen Einrichtung verbunden wie Martutene mit seinem Gefängnis. Ende der 1940er-Jahre errichtet, galt es zuletzt als hoffnungslos veraltet und überbelegt. Der Ersatzbau entstand im ebenfalls donostiarrischen Viertel Zubieta und wurde am 15. Juni 2026 offiziell eröffnet; ab dem 17. Juni wurden die Insassen dorthin verlegt. Nach knapp 80 Jahren ist der Betrieb in Martutene damit beendet.
Der Abriss der alten Anlage soll im ersten Halbjahr 2027 beginnen. Auf dem Gelände sind mehrere Hundert geförderte Wohnungen geplant – die Fortsetzung jener Stadtentwicklung, die flussabwärts bereits läuft. Für ein Viertel, das jahrzehntelang mit dem Etikett Gefängnisviertel lebte, ist das ein einschneidender Wechsel.
Hochwasser und die Neufassung des Urumea
Martutene liegt tief, direkt in der Flussaue, und das hat seinen Preis. Über Jahrzehnte lief das Viertel bei starken Regenfällen voll; besonders schwer traf es die Anwohner im November 2011, als der Urumea in Hernani, Astigarraga und eben hier über die Ufer trat und Keller, Werkstätten und Lagerräume überflutete. Wer hier wohnte, sah bei jedem längeren Regen aus dem Fenster.
Die Antwort darauf ist eines der größten Wasserbauprojekte der Region: Auf rund 1.370 Metern wird der Flusslauf im Bereich Martutene neu gefasst und das Bett auf bis zu 50 Meter verbreitert; ein erster Abschnitt von etwa 800 Metern ist bereits ausgeführt. Dazu kommen ein Regenrückhaltebecken, neue Sammler und ein Pumpwerk. Sichtbar wurde der Umbau schon vorher an den Brücken: 2015 entstand der Fußgänger- und Radsteg El Pilar, 2016 die heutige, einbogige Martutene-Brücke, die dem Wasser mehr Durchlass lässt. Zurückgeblieben sind neue Uferwege, Baumreihen und Grünflächen, wo vorher Beton war.
Was geblieben ist: Caseríos, Sidrerías und der letzte grüne Hügel
Trotz Industrie und Verkehr ist Martutene nicht durchgehend städtisch. Zwischen Hallen und Wohnblocks stehen weiterhin Caseríos, es gibt Sidrerías, und über dem Viertel erhebt sich der Monte Antondegi, der letzte unbebaute Hügel im Süden der Stadt – seit Jahren Gegenstand von Diskussionen darüber, ob dort gebaut werden soll oder nicht. Von hier ist es nur ein Katzensprung nach Astigarraga und Ergobia, dem eigentlichen Zentrum der baskischen Sidra.
Das Viertelleben hat eigene Fixpunkte: die Fiestas am 12. Oktober rund um den Pilar-Tag mit Sidra, Produkten vom Land, Kinderspielen und Cross, dazu seit 2006 ein eigener Fußballverein, Martutene KE. Das ist kein Programm für Reisende – aber es erklärt, warum die Nachbarschaft hier über all die Jahre zusammengehalten und für bessere Bedingungen gestritten hat.
Übernachten in Martutene
Martutene ist ein Wohn- und Gewerbeviertel ohne Übernachtungsschwerpunkt. Neue touristische Unterkünfte entstehen in Donostia nur noch als Hotels auf Grundstücken, die nicht dem Wohnen gewidmet sind; im Viertel selbst spielt das bislang keine Rolle. Wer hier schläft, ist nah an Astigarraga und damit an der Sidrería-Saison, braucht ins Zentrum aber den Uferweg, den Stadtbus oder die Regionalbahn. Welche Viertel sich zum Übernachten wirklich anbieten, steht im Vergleich Wo übernachten in San Sebastián.
🗺️ Lage & Anfahrt
Martutene liegt am Südrand der Stadt, direkt am Urumea zwischen Loyola und der Gemeindegrenze zu Astigarraga. Vom Zentrum führt der durchgehende Uferweg zu Fuß oder mit dem Rad her; dazu halten der städtische Bus und die Regionalbahn Richtung Hernani im Viertel.
🗣️ Mein Eindruck vor Ort
Ich bin hier durchgelaufen, nicht eingekehrt – deshalb steht in diesem Text kein Lokal aus dem Viertel. Martutene ist ein Ort der Übergänge, und man spürt das sofort: Auf der einen Seite Werkshallen und Lastwagen, auf der anderen ein frisch angelegter Uferweg mit jungen Bäumen, dazwischen ein Caserío, das aussieht, als hätte es die letzten hundert Jahre einfach ausgesessen. Der neue Flussabschnitt ist erstaunlich freundlich geworden, breiter und offener als weiter stadteinwärts. Schön ist es hier nicht im klassischen Sinn, aber es ist ehrlich. Ich würde niemandem raten, Martutene als Ziel einzuplanen – als Etappe auf dem Weg zu den Sidrerías nach Astigarraga ist es dagegen genau richtig.
Weitere passende Empfehlungen rund um Martutene
Gegessen wird in den Nachbarvierteln flussabwärts: der Bar Agreda in Egia für Kroketten, der Bar Jesús als Viertelbar im selben Stadtteil, Bar Vallés als Geburtsort der Gilda, der Bar Antonio für Tortilla und Pintxos im Centro und der Aldapeta Gastrobar mit Blick über die Stadt. Für das Frühstück gilt dasselbe: In Martutene selbst gibt es keine Adresse, die ich empfehlen würde, die Auswahl stadteinwärts steht in meiner Bestenliste Bestes Frühstück in San Sebastián.
Häufige Fragen zu Martutene
Wo liegt Martutene?
Martutene ist der südlichste Stadtteil von Donostia-San Sebastián und liegt am Urumea zwischen dem Viertel Loyola und der Nachbargemeinde Astigarraga.
Gibt es das Gefängnis Martutene noch?
Nein. Die Anlage aus den späten 1940er-Jahren wurde im Juni 2026 geräumt, nachdem der Neubau im Viertel Zubieta eröffnet worden war. Der Abriss soll im ersten Halbjahr 2027 beginnen, danach sind auf dem Gelände geförderte Wohnungen geplant.
Warum war Martutene so oft von Hochwasser betroffen?
Das Viertel liegt flach in der Aue des Urumea, der bei starken Regenfällen schnell anschwillt. Schwere Überschwemmungen gab es unter anderem im November 2011. Seither wird der Fluss auf rund 1.370 Metern neu gefasst und das Bett verbreitert.
Ist Martutene für Reisende interessant?
Als eigenes Ziel kaum, als Wegstrecke durchaus. Der Uferweg am Urumea führt durch das Viertel weiter nach Astigarraga und Hernani, also direkt in die Sidrería-Region.
Wie kommt man nach Martutene?
Zu Fuß oder mit dem Rad über den durchgehenden Uferweg am Urumea, der vom Zentrum über Loyola herführt. Außerdem ist das Viertel mit dem städtischen Bus und über die Regionalbahn Richtung Hernani erreichbar.
Über den Autor
Christian ist Weinhändler und Foodblogger. Auf Gozatu! schreibt er über gutes Essen und Trinken in Donostia-San Sebastián und dem Baskenland – mit Leidenschaft und Seele, immer aus erster Hand vor Ort. Mehr über Christian →

