Übertourismus in San Sebastián: Go’s, No-Go’s & wie du richtig reist

Graffiti in San Sebastián fordert bezahlbaren Wohnraum für alle

Es gibt diesen einen Blick. Du stehst oben am Monte Urgull, unter dir liegt die Concha-Bucht wie eine perfekt geschwungene Muschel, links Igeldo, in der Mitte die Insel Santa Clara. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich dieses Bild kaum verändert. Und genau das ist Donostias Segen – und sein Problem. Denn diese Stadt war nie ein Geheimtipp: Sie wurde für Besucher gebaut. Wie viel Tourismus San Sebastián verträgt, wird hier gerade offen verhandelt – mit Rekordmieten, einem Lizenz-Moratorium und einer beschlossenen Touristensteuer.

Übertourismus in San Sebastián auf einen Blick

  • Umfang: 189.000 Einwohner, rund 18.000 Gästebetten, nach Angaben der Stadt etwa 2 Millionen Übernachtungen im Jahr
  • Beste Zeit: Mai, Juni und Oktober – Semana Grande Mitte August und das Filmfestival im September sind die vollsten Wochen
  • Budget: Touristensteuer ab 1. Januar 2027, je nach Unterkunft 1,25 bis 6,50 € pro Person und Nacht
  • Für wen: alle, die Donostia besuchen und wissen wollen, wie sie der Stadt dabei nicht schaden
  • Anteil am Stadt-BIP: nach Angaben der Stadt rund 14 %
  • Besucherstruktur: 40 % Übernachtungsgäste, 60 % Tagesausflügler – davon zwei Drittel aus dem Baskenland
  • Wohnkosten: einer der höchsten Quadratmeter-Mietpreise Spaniens
  • Politik: Lizenz-Moratorium seit März 2023, Touristensteuer im Juli 2026 beschlossen

Tourismus ist hier keine Modeerscheinung, sondern die Geburtsurkunde

Nachdem Donostia 1813 fast vollständig niederbrannte, entstand die Stadt neu – im eleganten Belle-Époque-Stil, den du heute noch überall siehst. Der eigentliche Startschuss aber kam von ganz oben: Königin Isabella II. badete Mitte des Jahrhunderts auf Anraten ihrer Ärzte in La Concha, um ihre Hautprobleme zu kurieren. Die Aristokratie folgte umgehend. Ab 1886 machte Maria Christina von Österreich die Stadt zu ihrer ständigen Sommerresidenz – und Donostia wurde zum mondänen Seebad, das sich vor Biarritz oder Nizza nicht verstecken musste. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde es kosmopolitisch: Im Casino verkehrten Mata Hari, Trotzki, Ravel.

Ein Satz, den ich mir gemerkt habe, stammt vom früheren Bürgermeister Eneko Goia: Vor hundert Jahren hatte die Stadt bei knapp 100.000 Einwohnern 20.000 Gästebetten. Heute, bei 189.000 Einwohnern, sind es 18.000. Das Problem sind also nicht die Betten. Es sind die Menschen, die tagsüber kommen.

Die Go’s: Was der Tourismus wirklich bringt

Seien wir ehrlich: Ohne Tourismus wäre Donostia nicht Donostia. Nach Angaben der Stadt hängen rund 14 % der örtlichen Wirtschaftsleistung daran. Der Weltruf als Gourmet-Hauptstadt – eine der höchsten Michelin-Dichten weltweit, die Pintxos-Theken, der Txakoli – lebt auch von Menschen, die anreisen, um genau das zu erleben. Das Filmfestival seit 1953, der Titel Europäische Kulturhauptstadt 2016, das Jazzaldia: All das trägt eine Stadt dieser Größe nur, weil die Welt hinschaut.

Und anders als in Benidorm oder auf Mallorca gibt es hier keine Hotelburgen. Der Postkartenblick auf die Concha ist erhalten geblieben. Das ist eine Leistung.

Die No-Go’s: Wenn aus einem Viertel eine Kulisse wird

Jetzt die andere Seite – und die ist bitter. Donostia zählt zu den teuersten Mietmärkten Spaniens; in manchen Zonen liegen die Quadratmeterpreise über denen Madrids. Schon 2023 lagen die Angebotsmieten bei rund 17 €/m². Der Bestand an Wohnungen zum Verkauf schrumpfte zwischen 2019 und 2023 um 42 % – einer der stärksten Rückgänge des Landes.

In der Parte Vieja konzentriert sich eine Dichte an Ferienwohnungen, die laut Schätzungen der Stadt doppelt so hoch ist wie in vergleichbaren europäischen Städten. Und das hat einen Namen: turistificación. Der Tourismus zerstört ein Viertel nicht mit einem Knall. Er leert es leise, Wohnung für Wohnung, bis eine makellose Postkarte übrig bleibt – ohne echte Bewohner.

VT-Schild an einem Gebäude in San Sebastián – Kennzeichnung erlaubter Ferienvermietung (Vivienda Turística)
Das Kürzel „VT“ (Vivienda Turística) zeigt an, dass in einem Gebäude die Vermietung an Touristen erlaubt ist.

Was die Donostiarrak dazu sagen

In der Parte Vieja haben sich Anwohner zur Vereinigung Parte Zaharraren Bizi zusammengeschlossen. Ihr Vorwurf ist deutlich: Über Jahre seien Wohnungen in den Tourismusmarkt umgeleitet worden, unter dem Schutz öffentlicher Institutionen und privater Interessen. Viele könnten sich die neuen Mieten nicht mehr leisten und müssten wegziehen. Was bleibt, sei Lärm, ein ständiger Strom Fremder im eigenen Treppenhaus, das Verschwinden des Gemeinschaftsgefühls. 2024 und 2025 war Donostia Teil der großen Anti-Tourismus-Proteste, die durch ganz Spanien liefen.

Graffiti mit dem Schriftzug „Stop Cheesecake“ auf einem heruntergelassenen Rollladen in Donostia-San Sebastián
„Stop Cheesecake“ – der Unmut steht an den Rollläden der Stadt. Gemeint ist der Hype um den baskischen Käsekuchen, der Warteschlangen vor einzelne Lokale der Altstadt spült.

Wann die Stadt wirklich voll ist

Übertourismus ist in Donostia kein Dauerzustand, sondern eine Frage von Wochen und Uhrzeiten. Am dichtesten wird es während der Semana Grande Mitte August, wenn abends zusätzlich das Feuerwerk Zehntausende an die Bucht zieht, und während des Filmfestivals im September. Dazu kommen die Sommerwochenenden: Dann füllt sich die Altstadt zwischen 13 und 15 Uhr und noch einmal ab 20 Uhr so weit, dass an manchen Theken kein Durchkommen ist.

Überfüllte La-Concha-Bucht in San Sebastián an einem Sommertag (Symbolbild)
Symbolbild (KI-generiert): die La-Concha-Bucht an einem überfüllten Sommertag.

Umgekehrt heißt das: Wer im Mai, Juni oder Oktober kommt, erlebt eine völlig andere Stadt – dieselben Bars, dieselben Theken, nur mit Platz davor. Und selbst im Hochsommer ist um 12 Uhr mittags oder nach 22 Uhr vieles entspannt. Wie ruhig es zwischen November und März wird, habe ich in San Sebastián im Winter beschrieben.

Was die Stadt jetzt tut

Zwei Hebel. Erstens: Seit März 2023 gilt ein Moratorium – keine neuen Lizenzen für Hotels und Ferienwohnungen, während der Stadtentwicklungsplan überarbeitet wird. Zweitens die Touristensteuer: Ende Juli 2026 hat die Junta de Gobierno Local die entsprechende Verordnung zunächst beschlossen, erhoben wird die Steuer ab dem 1. Januar 2027. Besteuert werden Übernachtungen in Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, Campingplätzen, Agroturismos, Landhäusern und Herbergen sowie Kreuzfahrtanläufe.

Die Sätze reichen von 1,25 € pro Person und Nacht im Agroturismo bis 7 € für Kreuzfahrtpassagiere; Hotels der höchsten Kategorien und Ferienwohnungen liegen bei 6,50 €. Gezahlt wird für höchstens sechs aufeinanderfolgende Nächte. Befreit sind unter anderem Reisende unter 18 Jahren, Menschen mit Behinderung oder Pflegebedarf samt Begleitung sowie Aufenthalte aus gesundheitlichen, Bildungs- oder Forschungsgründen im Rahmen öffentlicher Programme. Bürgermeister Jon Insausti nennt als Zweck die Finanzierung öffentlicher Leistungen: Reinigung, Mobilität, Instandhaltung des Stadtraums, Denkmalschutz und Sicherheit. Geschätzt werden Einnahmen von bis zu 8,5 Millionen Euro jährlich.

Interessant ist die Unterscheidung, die das Rathaus macht: Nur 40 % der Besucher sind Übernachtungsgäste. 60 % sind Tagesausflügler – und zwei Drittel davon kommen aus dem Baskenland selbst. Der Druck kommt weniger vom fernen Touristen als vom Umland. Wer die Richtung einmal umdreht und Donostia als Basis für Tagesausflüge ins Baskenland nutzt, verteilt seine Ausgaben auf mehrere Orte statt sie auf drei Altstadtgassen zu konzentrieren.

So reist du, ohne Teil des Problems zu sein

Der wirksamste Hebel ist banal: bleiben statt durchfahren. Wer übernachtet, isst zweimal warm, kauft ein, zahlt künftig die Touristensteuer und lässt sein Geld dort, wo die Kosten entstehen. Wer für vier Stunden aus dem Bus steigt, hinterlässt vor allem Müll und Menschenmenge.

Der zweite Hebel ist die Unterkunft. Ferienwohnungen brauchen in Donostia eine Lizenz und tragen das Kürzel VT am Gebäude. Steht keine Registriernummer im Inserat, ist die Wohnung mit hoher Wahrscheinlichkeit illegal dem Wohnungsmarkt entzogen. Ein Hotel oder eine Pension ist in diesem Punkt fast immer die sauberere Wahl.

Der dritte ist die Geografie. Die Altstadt ist drei Gassen groß, die Stadt ist es nicht. In Gros stehst du abends an Theken, an denen mehr Baskisch als Englisch gesprochen wird, im Antiguo und in Egia erst recht. Welche Lokale sich dort lohnen, steht in meinem Guide zu Essen und Trinken in Donostia.

🗣️ Mein Eindruck vor Ort

Ich habe ein Problem mit diesem Text. Ich schreibe einen Blog, der Menschen nach Donostia bringt – ich sitze also mit im Boot, und das zu verschweigen wäre feige.

Aber es macht einen Unterschied, ob jemand für ein Selfie an der Concha aus dem Bus steigt oder abends an einer Theke in Gros steht, sich einen Txakoli einschenken lässt und mit dem Wirt ins Gespräch kommt. Der eine konsumiert eine Kulisse. Der andere lässt sein Geld dort, wo Menschen wohnen, und nimmt etwas mit, das in keinem Reiseführer steht. Ich schreibe für die Zweiten.

Mir liegt am Herzen, dass man die Kultur und die Menschen achtet, die hier leben – ihre Regeln, ihre Gebräuche. Iss in den Bars und Restaurants der Einheimischen, nicht in Ketten. Kauf im Fachgeschäft, nicht im Filialladen. Übernachte in der Stadt, statt sie im Tagestrip abzuhaken. Lern zwei Worte Euskara. Und wenn du eine Wohnung buchst, frag dich, ob du gerade jemandem sein Zuhause wegmietest.

Nur so bleibt diese großartige Stadt langfristig in ihrer einzigartigen Pracht erhalten. Und nur so leben Einheimische und Gäste gut miteinander – nicht nebeneinander. Donostia ist zu schön, um zur leeren Postkarte zu werden. Das liegt auch an uns.

📋 Praxistipps

Reisezeit: Mai, Juni und Oktober statt August. Unter der Woche statt am Wochenende.

Unterkunft: Auf die VT-Registriernummer im Inserat achten. Fehlt sie, lieber Hotel oder Pension.

Anreise: Bus und Zug statt Mietwagen – in der Innenstadt gilt ohnehin fast überall Parkraumbewirtschaftung.

Essen: Eine Theke abseits der drei Hauptgassen der Altstadt suchen. Die Warteschlange vor dem berühmten Käsekuchen ist keine Empfehlung, sondern ein Symptom.

Sprache: „Kaixo“ und „Eskerrik asko“ kosten nichts und ändern den Ton eines Abends.

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San Sebastián Wochenende – der Zwei-Tage-Plan für alle, die bleiben statt durchzufahren.

Essen und Trinken in Donostia – wo, wann und was in dieser Stadt auf den Tisch kommt.

Pintxos San Sebastián günstig essen – Preise, Pintxo-Pote und die Theken der Einheimischen.

Txikiteo San Sebastián – die Regeln der baskischen Bar-Runde, an die sich Gäste halten sollten.

Guter Wein in San Sebastián – Weinbars, Restaurants und Weingeschäfte abseits der Touristenrouten.


Häufige Fragen zum Tourismus in San Sebastián

Ist der Tourismus in San Sebastián ein Problem?

Der Tourismus ist eine tragende Säule der Stadt und macht nach Angaben der Stadt rund 14 % der Wirtschaftsleistung aus. Zum Problem wird er dort, wo er den Wohnungsmarkt verdrängt: Donostia zählt zu den teuersten Mietmärkten Spaniens, und in der Altstadt haben Ferienwohnungen viele Anwohner verdrängt.

Gibt es in San Sebastián eine Touristensteuer?

Sie ist beschlossen, wird aber erst ab dem 1. Januar 2027 erhoben. Die Sätze reichen von 1,25 € pro Person und Nacht im Agroturismo bis 6,50 € in Hotels der höchsten Kategorien und in Ferienwohnungen; Kreuzfahrtpassagiere zahlen bis zu 7 €. Berechnet werden höchstens sechs aufeinanderfolgende Nächte, Reisende unter 18 Jahren sind befreit.

Wann ist San Sebastián am vollsten?

Am dichtesten wird es während der Semana Grande Mitte August und während des Filmfestivals im September, dazu an den Sommerwochenenden. Deutlich ruhiger sind Mai, Juni und Oktober sowie im Hochsommer die Zeiten vor 13 Uhr und nach 22 Uhr.

Wie besuche ich San Sebastián verantwortungsvoll?

Übernachte in der Stadt statt nur einen Tagesausflug zu machen, buche eine Unterkunft mit VT-Lizenz oder ein Hotel, iss in den Bars und Restaurants der Einheimischen statt in Ketten, kauf in Fachgeschäften ein und respektiere die lokale Kultur und Sprache. So bleibt mehr Wertschöpfung in der Stadt, und das Zusammenleben von Einheimischen und Gästen funktioniert langfristig.

Warum sind die Mieten in Donostia so hoch?

Mehrere Faktoren treffen zusammen: ein strukturell knappes Wohnungsangebot, hohe Nachfrage und die Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen. Der Bestand an Kaufwohnungen sank zwischen 2019 und 2023 um 42 %. Zu betonen ist aber auch, dass das Wohnungsproblem bereits vor dem jüngsten Tourismusboom bestand.

Christian Fenske, Weinhändler & Foodblogger von Gozatu!

Über den Autor

Christian ist Weinhändler und Foodblogger. Auf Gozatu! schreibt er über gutes Essen und Trinken in Donostia-San Sebastián und dem Baskenland – mit Leidenschaft und Seele, immer aus erster Hand vor Ort. Mehr über Christian →

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