Jade Gross: Naturweine aus der Rioja Alta

Weinprobe Jade Gross, San Vicente de la Sonsierra, Rioja Alta

Manche Winzerinnen wachsen zwischen Rebzeilen auf. Jade Gross kam über Hongkong, ein Studium der Politik und Menschenrechte und die Küche des Mugaritz bei Donostia-San Sebastián. Heute erzeugt sie in San Vicente de la Sonsierra Naturweine in Kleinstmengen: handwerklich, biologisch bewirtschaftet, mit Frische und Klarheit statt Wucht. Ich habe ihre Weine verkostet und halte sie für einen der spannendsten neuen Namen der Rioja.

Aktualisiert im September 2026.

Jade Gross auf einen Blick

  • Person: Jade Gross, Winzerin und ehemalige Küchenchefin
  • Herkunft: chinesisch-amerikanisch, geboren und aufgewachsen in Hongkong
  • Vorher: Studium der Politik und Menschenrechte in New York und London, Kochschule in Paris, Stationen bei Alain Ducasse au Plaza Athénée, D.O.M. in São Paulo, El Celler de Can Roca in Girona und Mugaritz
  • Weinprojekt: seit 2019, Sitz in San Vicente de la Sonsierra
  • Weinregion: DOCa Rioja – San Vicente gehört zur Rioja Alta, ein eigener Weinberg liegt in Labastida in der Rioja Alavesa
  • Rebsorten: vor allem Tempranillo aus alten Lagen, dazu Viura, Tempranillo Blanco und Garnacha
  • Mentor: Abel Mendoza aus San Vicente de la Sonsierra
  • Stil: Naturwein, biologische Bewirtschaftung, minimale Intervention, Balance statt Power
  • Produktion: Kleinstmengen, oft nur wenige tausend Flaschen pro Wein
  • Für wen: alle, die ehrliche, frische Rioja-Weine abseits des Barrique-Mainstreams suchen

Eine Biografie, die man zweimal liest

Es gibt Lebensläufe, die überraschen. Und es gibt Lebenswege, die so ungewöhnlich sind, dass man sie zweimal liest, um sicherzugehen, dass man sich nicht verlesen hat. Die Geschichte von Jade Gross gehört in die zweite Kategorie.

Geboren und aufgewachsen in Hongkong, als Kind einer chinesisch-amerikanischen Familie, führte ihr erster Weg nicht in den Weinberg und nicht in die Küche, sondern an die Universität: Sie studierte Politik und Menschenrechte in New York und London. Ihr eigenes Winzerprofil nennt für diese Jahre Stationen wie die Vereinten Nationen und den Internationalen Strafgerichtshof. Empathie, Verantwortung und eine globale Perspektive formten ihr Weltbild lange vor der Gastronomie.

Vom Menschenrecht in die Avantgarde-Küche

Irgendwann rief die Küche. Mit einem Stipendium der James Beard Foundation ging sie nach Paris auf die Kochschule und arbeitete anschließend im Alain Ducasse au Plaza Athénée, damals mit drei Michelin-Sternen. Es folgten das D.O.M. in São Paulo und El Celler de Can Roca in Girona – Adressen, an denen man kochen lernt und gleichzeitig lernt, wie kompromisslos dieser Beruf sein kann.

Den prägendsten Schritt machte sie in Donostia-San Sebastián, im Mugaritz von Andoni Luis Aduriz – einem der einflussreichsten Restaurants der Welt, bekannt für radikale Kreativität und eine fast wissenschaftliche Herangehensweise an Geschmack. Sie kam als Praktikantin und stieg in sieben Jahren zur Küchenchefin auf, mit 26 Jahren, danach in die Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Statt diese Rolle auszukosten, tat Jade etwas Überraschendes: Sie legte den Kochlöffel zur Seite, um noch einmal von vorne anzufangen.

Der Wechsel: Abel Mendoza, WSET und der erste Jahrgang

Der Kontakt zum Wein entstand während der Mugaritz-Jahre. Bei Besuchen in der Rioja lernte sie Abel Mendoza und seine Frau Maite Fernández kennen, Winzer in San Vicente de la Sonsierra. Mendoza gilt als einer der Wegbereiter eines dritten Weges in der Rioja, jenseits des alten Streits zwischen Traditionalisten und Modernisten. Aus den Gesprächen wurde eine Freundschaft, aus der Freundschaft eine Mentorenrolle.

2018 verließ Jade die Küche, absolvierte die WSET-Ausbildung und zog in die Rioja. Mendoza vermittelte ihr einen Traubenlieferanten und einen Platz zum Ausbauen. 2019 entstand ihr erster Wein: ein reinsortiger Tempranillo aus einer 34 Jahre alten Lage, vollständig entrappt. Ein Jahr später arbeitete sie mit denselben Trauben, aber mit hundert Prozent Ganztrauben – 1.700 Flaschen, erzeugt in der Bodega Solagüen in Labastida mit fachlicher Begleitung des Winzers Carlos Sánchez, ausgebaut in 225- und 500-Liter-Fässern.

Ebenfalls 2020 kaufte sie einen eigenen Weinberg: in Labastida, in der Lage San Ginés auf rund 600 Metern Höhe, mit 35 Jahre altem Tempranillo. Die Böden dort sind tiefer und fruchtbarer als in San Vicente, und die Sonne kommt erst am Nachmittag über den Hang.

Wo San Vicente de la Sonsierra wirklich liegt

Man liest oft, Jade Gross mache Wein in der Rioja Alavesa. Auch bei Händlern. Das stimmt nicht ganz. San Vicente de la Sonsierra gehört zur Autonomen Gemeinschaft La Rioja, Comarca Rioja Alta, Bezirk Haro: ein Dorf mit rund 1.000 Einwohnern auf 497 Metern Höhe, am Fuß der Sierra de Toloño, mit Burg, Wehrmauer und einer mittelalterlichen Ebrobrücke.

Die Verwechslung hat einen guten Grund. San Vicente liegt zusammen mit Ábalos nördlich des Ebro, also auf derselben Flussseite wie die Rioja Alavesa – und schiebt sich als Keil zwischen deren beide Hälften: Labastida im Westen, Laguardia und Oion im Osten. Wer auf die Karte schaut, sieht Rioja Alavesa. Wer ins Melderegister schaut, sieht La Rioja.

Für die Weine ist das mehr als Bürokratie: Jade Gross arbeitet mit alten Parzellen auf beiden Seiten dieser Grenze, in der Rioja Alta wie in der Rioja Alavesa, überwiegend auf Kalk-Lehm-Böden in Höhenlagen. Deshalb steht auf ihren Flaschen schlicht DOCa Rioja.

Die Weine

Den Anfang machte der Tempranillo Piano Piano, dessen Etikett Rebstöcke als Klaviertasten zeigt – Jade spielt selbst Klavier. Vom Jahrgang 2020 gab es 1.630 einzeln nummerierte Flaschen. Dazu kamen der Weißwein Chiguita aus Viura, Tempranillo Blanco und Garnacha Blanca, ganztraubig in Holzfässern vergoren und sechs Monate auf der Feinhefe ausgebaut, sowie Harrobia und Corza Beoda.

Ihre Weine stehen für:

  • biologische Bewirtschaftung im Weinberg, minimale Intervention im Keller
  • spontane Gärung, häufig mit ganzen Trauben
  • Ausbau in gebrauchten Fässern oder Beton statt in neuem Holz
  • Balance statt Power, Frische statt Konzentration
  • eine puristische, fast kulinarische Handschrift

Jade versteht Wein wie ein Gericht: als Komposition aus Herkunft, Emotion und Handwerk.

Philosophie: Grenzen überschreiten, ohne die Wurzeln zu verlieren

Was Jade besonders macht, ist ihr roter Faden: Mut zur Veränderung. Vom Menschenrechtsstudium in die Küche. Von der Küche in die Landwirtschaft. Vom globalen Leben in die Ruhe eines Rioja-Dorfes mit tausend Einwohnern.

All diese Stationen verbindet eine gemeinsame Haltung: Neugier, Tiefgang und der Wunsch, Kultur in Geschmack zu übersetzen. Jade gehört zu einer neuen Generation global denkender Winzerinnen und Winzer, die die Rioja nicht neu erfindet, sondern ehrlich und zeitgemäß interpretiert – weg von der Frage, wie lange ein Wein im Fass lag, hin zu der Frage, wo er herkommt.

Warum man Jade Gross im Auge behalten sollte

Wer Weine liebt, die Geschichten erzählen, die überraschen und die von starken Persönlichkeiten geprägt sind, sollte sich diesen Namen merken. Jade Gross ist kein Zufallsphänomen. Sie ist eine Macherin und eine Denkerin – und sie hat das Potenzial, eine feste Größe in der modernen Rioja-Szene zu werden.

🗣️ Mein Eindruck vor Ort

Als Weinhändler bekomme ich viele Rioja-Weine ins Glas, und ehrlich gesagt schmecken erschreckend viele davon gleich. Bei Jade Gross war das anders. Die Weine haben mich sofort gepackt, weil sie nichts beweisen wollen: kein Holz, das sich in den Vordergrund drängt, keine Marmelade, keine Muskeln. Stattdessen Frische, Zug und ein feiner, fast salziger Kern.

Man merkt in jedem Schluck, dass hier jemand aus der Küche kommt. Jade denkt in Balance und Textur, nicht in Punkten. Ihre Weine sind Essensbegleiter im besten Sinne – und für mich ein Beleg dafür, dass die Rioja gerade wieder richtig spannend wird.

📋 Praxistipps

  • Verfügbarkeit: Die Mengen sind winzig – von manchen Weinen gibt es nur ein bis vier Tausend Flaschen weltweit. Wer sie probieren will, fragt am besten früh im Jahrgang an; nachbestellen ist meist keine Option.
  • Wo probieren: In Donostia stehen solche Weine vor allem in Weinbars und Restaurants mit Naturwein-Affinität auf der Karte, nicht im Supermarkt.
  • Serviertemperatur: Die Rotweine profitieren von 14–16 °C. Zu warm serviert verlieren sie genau die Frische, die sie besonders macht.
  • Luft: Karaffieren ist selten nötig, aber ein Glas, das eine halbe Stunde steht, zeigt oft deutlich mehr.
  • Speisen: Passt hervorragend zu baskischer Küche – gegrillter Fisch, Pintxos, Gemüse. Kein Wein für schwere Schmorgerichte.
  • Besuch: Es gibt keine repräsentative Bodega mit Besucherbetrieb. Wer die Gegend sehen will, fährt nach San Vicente de la Sonsierra wegen Burg, Ebrobrücke und Weinbergen – nicht wegen einer Kellerführung.

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Häufige Fragen zu Jade Gross

Wer ist Jade Gross?

Jade Gross ist eine chinesisch-amerikanische Winzerin mit Sitz in San Vicente de la Sonsierra. Geboren und aufgewachsen in Hongkong, studierte sie Politik und Menschenrechte in New York und London, kochte danach sieben Jahre im Mugaritz bei Donostia-San Sebastián und startete 2019 ihr eigenes Weinprojekt in der Rioja.

Liegt San Vicente de la Sonsierra in der Rioja Alavesa?

Nein. San Vicente de la Sonsierra gehört zur Autonomen Gemeinschaft La Rioja und zur Comarca Rioja Alta. Weil der Ort nördlich des Ebro liegt und zusammen mit Ábalos einen Keil zwischen die beiden Teile der Rioja Alavesa schiebt, wird er häufig falsch zugeordnet – auch von Weinhändlern.

Wo entstehen die Weine von Jade Gross?

Ihr Sitz ist San Vicente de la Sonsierra, ein Dorf mit rund 1.000 Einwohnern am Fuß der Sierra de Toloño. Die Trauben stammen aus alten Lagen in der Rioja Alta und der Rioja Alavesa; 2020 kaufte sie einen eigenen Weinberg in Labastida auf rund 600 Metern Höhe.

Wie schmecken die Weine von Jade Gross?

Frisch, klar und balanciert statt wuchtig. Die Weine setzen auf Zug, Energie und eine puristische Handschrift, nicht auf Holz und Konzentration. Ausgebaut wird in gebrauchten Fässern oder Beton, damit die Herkunft im Vordergrund bleibt – ein bewusst moderner, kulinarischer Rioja-Stil abseits der klassischen Reserva-Prägung.

Sind die Weine Naturweine oder biodynamisch?

Beides wird oft in einen Topf geworfen. Die Weinberge werden biologisch bewirtschaftet, im Keller arbeitet Jade Gross mit minimaler Intervention: spontane Gärung, oft ganze Trauben, Ausbau in gebrauchten Fässern oder Beton. Die Weine werden dem Naturwein-Segment zugerechnet; eine zertifizierte biodynamische Bewirtschaftung ist nicht dokumentiert.

Welche Weine gibt es von Jade Gross?

Bekannt sind der Tempranillo Piano Piano, dessen Etikett Rebstöcke als Klaviertasten zeigt, der Weißwein Chiguita aus Viura, Tempranillo Blanco und Garnacha Blanca sowie Harrobia und Corza Beoda. Die Auflagen sind klein: vom Piano Piano 2020 gab es 1.630 einzeln nummerierte Flaschen, vom Chiguita 3.900.

Wo bekommt man die Weine von Jade Gross?

Die Produktion ist sehr klein, entsprechend schwer sind die Weine zu finden. Erhältlich sind sie über spezialisierte Weinhändler in Deutschland, Großbritannien und Spanien sowie in Weinbars und Restaurants mit Naturwein-Schwerpunkt – in Donostia-San Sebastián am ehesten dort, im Supermarkt sicher nicht.

Christian Fenske, Weinhändler & Foodblogger von Gozatu!

Über den Autor

Christian ist Weinhändler und Foodblogger. Auf Gozatu! schreibt er über gutes Essen und Trinken in Donostia-San Sebastián und dem Baskenland – mit Leidenschaft und Seele, immer aus erster Hand vor Ort. Mehr über Christian →

Über zwanzig Jahre Donostia, mehr als drei Monate im Jahr vor Ort. Alle Empfehlungen auf Gozatu! entstehen aus eigenen Besuchen – auf eigene Kosten, ohne bezahlte Inhalte und ohne Gegenleistung. Wie ich auswähle und arbeite

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